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Von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft - toto corde, tota anima, tota virtute

Ausstellung

Florentin Bucher, seines Zeichens Geografielehrer an der Stiftsschule, kommt gleich selbst mit dem Velo angefahren und begrüsst die wartenden Gäste in der Gartenhalle der Stiftsschule. Es ist der 29. Mai 2017, ein Montag und bisher gemächlich verlaufender Schultag. Doch so mancher Schüler hatte schon zu Mittag die ersten Ausstellungsstücke entdeckt und noch vor der offiziellen Eröffnung  im 1.Klasse-Abteil der SBB Platz genommen. Und nicht zu vergessen: Ein schwarzer Tesla, Modell Roadster mit Schiebedach, parkte an diesem Tag mitten in der Gartenhalle.

Anlass dieser besonderen Ausstellung war die Beschäftigung des Ergänzungsfachs Geografie unter der Leitung von Florentin Bucher mit dem brisanten Thema „Mobilität – Personenverkehr in der Schweiz“.  Die acht Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen stellten sich dazu folgende Fragen: Wie bewegt sich die Schweizer Bevölkerung fort? Welche Verkehrsmittel werden bevorzugt? Welche zukunftsfähigen Modelle gibt es im Bereich der Mobilität? Und nicht zuletzt: Welche politischen Steuerungsmechanismen werden eingesetzt, um die derzeitigen Herausforderungen wie die Überlastung der Verkehrswege in Form von Stau, der Überhang motorisierter Mobilität gegenüber der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und nicht zuletzt die ökologischen Konsequenzen unseres intensiven Verkehrsverhaltens von 37km pro Tag zu bewältigen?

Von selbstfahrenden Fahrzeugen und urbanen Luftseilbahnen

In der thematischen Einführung wurden den 60 anwesenden Gästen, unter ihnen Stiftschülerinnen und Stiftsschüler, Lehrpersonen und Eltern,  gleich erstaunliche Fakten präsentiert:  So besitzen mit 78% mehr Schweizer Haushalte einen PKW als ein Velo (65%), auch fahren wir statistisch täglich 24km mit dem Auto, aber nur 9 mit Bahn und Bus und 0,9 per Velo. Ebenso erstaunlich: Der Grossteil des motorisierten Verkehrs fällt mit 44% auf den Freizeit- und nicht wie erwartet auf den Berufsverkehr. Der Schüler Ben Spöttling wies anschliessend auf neue Entwicklungen im ÖV hin, ganz konkret auf die seit letztem Jahr sich in Betrieb befindlichen autonomen Fahrzeuge, deren Entwicklung es in Zukunft weiterzuverfolgen gilt.  Offenbar wird es in naher Zukunft auch durchaus üblich sein, per Seilbahn über Städte zu schweben – erste Modelle an „urbanen Luftseilbahnen“ gibt es in Algier oder im ostasiatischen Singapur, so Belinda Kälin (6b). Eine Chance auch für die Schweiz?

Der Suncar – ein zukunftsfähiges Modell der Elektromobilität

Prof. Dr. David Dyntars Vortrag, ETH-Professor für Mechatronik mit Schwerpunkt Motorenbau, zielte auf ein weiteres hochaktuelles Thema ab: Wie lassen sich unser verständlicher Wunsch nach Mobilität mit Prämissen der Nachhaltigkeit in Einklang bringen? Für Dyntar gibt es auf diese Frage eine eindeutige Antwort: der Suncar, das elektrisch betriebene Fahrzeug, das es derzeit schon in zahlreichen Modellen vom Kleinwagen bis zum Schaufelbagger zu erwerben gibt. Jahrzehnte widmete der engagierte Wissenschaftler der Erforschung der Elektromobilität sowie der konkreten Entwicklung zukunftsfähiger Modelle. Dem Erdölzeitalter hat der durchaus christlich motivierte Forscher dabei ein nahes Ende vorausgesagt, der Weg führe zurück zum Solarzeitalter, denn: „Die Sonne – das geniale Kraftwerk“ liefere ja laufend 10 000 Mal mehr Energie als wir überhaupt gebrauchen können.  Die Schöpfung zu bewahren heisst für den letztes Jahr in Prag ausgezeichneten Forscher dann auch, den globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad (seit 1850) nicht zu ignorieren oder den CO2-Anstieg um über 40% auf 405 ppm (Stand 2017) ernst zu nehmen. Der Hintergrund: „Wenn wir 1 Liter Öl verbrennen, erzeugen wir dadurch 2,5kg CO2.“  Wie viel Luft benötigen wir dafür? „12 000 l, jene Menge an Atemluft, die für ein Kleinkind für 1 Monat ausreicht.“

Kritische Anfragen und einmal Probefahren

Derart explizite Worte rufen freilich auch kritische Anfragen hervor. Sind Elektroautos nicht etwas für eine wohlhabende Elite? Wie verträglich sind die Batterien, die in Elektrofahrzeugen eingesetzt werden? Und:  Ist die Fahrqualität auch entsprechend? Prof. Dyntar bot hier einiges an Argumenten auf:  Elektroautos gibt es inzwischen auch in der Preisklasse eines konventionellen Kleinwagens. Die Lithium-Ionen-Batterie seien aus wissenschaftlicher Sicht als unbedenklich einzustufen. Und die Fahrqualität? „Kommt mit. Wer möchte probefahren?“ Das liess sich so mancher Oberstufenschüler dann nicht zweimal sagen. Die interessierten Schülerinnen und Schüler  folgten Prof. Dyntar auf den Parkplatz vor der Gartenhalle und fuhren  mit dem Suncar des Professors gleich eine Proberunde.

Ein Apero und ein Wettbewerb

Ein feiner Apero rundete die Vernissage schliesslich ab. Engagiert wurde unter den Ausstellungsbesuchern weiterdiskutiert, ob Mobiltity Pricing und Car Sharing effiziente Modelle seien, ob man auch bereit wäre, sein eigenes Mobilitätsverhalten zu verändern oder Gewohnheit und Pragmatismus vorrangig seien. Einige Bilder blieben aber wohl auch dem kritischen Gast noch im Gedächtnis: Etwa dass der Flächenverbrauch durch den Verkehr ein Drittel der gesamte Siedlungsfläche der Schweiz beansprucht.

In den folgenden Wochen besuchten noch weitere Klassen die Ausstellung, ein Wettbewerb lud auch zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Thematik ein. Das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern hatte als Preis Eintrittskarten zur Verfügung gestellt, ein aktuelles Buch zum internationalen 200-Jahr-Jubiläum des Velos mit dem Titel „Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte von Hans. Erhard Lessing“ (2017) zählte ebenso zu den Preisen.

In jedem Fall rückte die Ausstellung augenscheinlich unser als so selbstverständlich betrachtetes mobiles Konsumverhalten in den Mittelpunkt. Auf Mobilität, unsere „lieb gewonnen Freiheit“ werden wir auch in Zukunft nicht verzichten müssen, doch vielleicht wird der eine oder andere das nächste Mal bewusster in die Bahn steigen, auf das Velo im wortwörtlichen Sinne umsteigen oder vielleicht sogar so manchen Kilometer des privaten Freizeitverkehrs vermeiden. Mit David Dyntars Worten:  „Everybody wants change und we can be the change.“

Maria Egartner